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Kommentar-Blog

Auf dieser Seite veröffentlichen wir regelmäßig kurze Kommentar-Artikel zu aktuellen Entwicklungen im Bereich der datafizierten Bildung, auch zu finden in unserem Newsletter.


UBTB-Kommentar zur Stellungnahme „zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‚Bildung in der digitalen Welt‘“ der „Ständigen wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK)“

27.10.2021 – Sondernewsletter

Die „Ständige wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK)“ hat am 07.10.2021 eine Stellungnahme „zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‚Bildung in der digitalen Welt‘“ (2016) veröffentlicht, die wir vor allem aufgrund ihrer unmittelbaren Relevanz für die KMK-Arbeit der nächsten Jahre mit großer Sorge zur Kenntnis nehmen.
Die gesamte Stellungnahme ist unter folgendem Link abrufbar. Zentrale Inhalte sind des Weiteren u.a. in einem Interview von Jan-Martin Wiarda mit den Vorsitzenden der SWK sowie in einem Artikel von Heike Schmoll in der FAZ (beide ebenfalls vom 07.10.2021) zusammengefasst.

Rolle rückwärts?

Die zentrale Zielsetzung der Stellungnahme ist der umfassende und weitere Ausbau der Nutzung und Anwendung von digitalen Medien in Schule. So habe sich, so die interviewten AutorInnen, das „Mindset“ der Lehrkräfte durch die Coronakrise in die richtige Richtung entwickelt, sodass sich nun ein ideales „Window of Opportunity“ ergäbe, grundsätzlich und strategisch die Digitalisierung an Schulen weiterzuentwickeln und voranzubringen.
Zwar wird kritisch thematisiert, dass es an stringenten Konzepten und Kompetenzen sowohl auf politischer Ebene als auch in der Lehrkräftebildung fehle. Zugleich werden in den sechs zentralen Handlungsempfehlungen gänzlich Maßnahmen angeregt, die zu einem ‚besseren‘, ‚optimierten‘ MEHR an Digitalisierung für und in Schulen führen sollen und damit eine klare Priorisierung vermeintlicher „Chancen“ und „Möglichkeiten“ der Digitalisierung von Lehr-Lern-Settings vorgenommen. Auch die Definition „digitaler Bildung“ im Sinne der SWK scheint gänzlich anwendungsbezogene Kompetenzvermittlung (im Papier genannt: 1. Digitale Kompetenzen, 2. Informations- und computerbezogene Grundbildung / ICT-Literacy, 3. Informatische Kompetenzen) in den Fokus zu stellen.

Irritiert sind wir weniger davon, dass ein derartiger Anwendungsfokus ein weiteres politisches Empfehlungspapier dominiert (es ist nicht das einzige), sondern dass ausgewiesene BildungsforscherInnen eine Perspektive zu favorisieren scheinen, die das interdisziplinäre Forschungsfeld zur Digitalisierung von Bildung (u.a. in der Medienpädagogik, Critical Data Studies-Forschung, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Informatik, kulturellen und politischen Bildung, Bildungssoziologie, Technikphilosophie, Medienethik, Technikfolgenabschätzung, Critical Data/Digital Literacy-Forschung oder den Science and Technology Studies etc.) unseres Erachtens längst überwunden hat (z.B. Stichwort: Dagstuhl-Erklärung bzw. Frankfurter Dreieck; s. auch Kommentar der GMK zur KMK-Strategie von 2016). Mit einem Einschwenken auf ein derartiges Narrativ würde die KMK mit anderen Worten eine Rolle rückwärts machen, die sie quasi vor den Stand von 2016 zurückwirft und zahlreiche Erkenntnisse, die in der Zwischenzeit gewonnen wurden, ungenutzt lässt. Hierzu zählen der Stellenwert einer umfassenden Medienbildung (Bildung ÜBER Medien) bzw. Medienmündigkeit sowie die Vermittlung und Diskussion grundsätzlicher sozio-kultureller, ästhetischer, pädagogischer, ökologischer, ökonomischer, gesundheitlicher und politischer Dimensionen der Digitalisierung. Nur so kann eine demokratisch orientierte Gestaltung von Bildung im digitalen Zeitalter gelingen.

In Anbetracht der politischen und gesellschaftlichen Tragweite der Gestaltung „digitaler Bildung“ durch die KMK ist die Stellungnahme der SWK wie gesagt hochgradig besorgniserregend. Umso essentieller ist es – so unsere Meinung –, diese interdisziplinär und gesamtgesellschaftlich (kritisch) zu diskutieren. Gerne kommen wir hierfür mit den AutorInnen der SWK-Stellungnahme ins Gespräch.
Wir von UBTB haben entsprechend bereits Kontakt zu uns nahestehenden Netzwerken und KollegInnen aufgenommen, um eine tiefergehende, inhaltlich differenzierte Auseinandersetzung mit der SWK-Stellungnahme voranzutreiben. Wir werden Sie diesbezüglich auf dem Laufenden halten!

In jedem Fall freuen wir uns über eine Weiterkommunikation der hier genannten Informationen sowie über Anregungen Ihrerseits an uns.


Gast-Kommentar von Nina Galla: Wir müssen reden: Das Potenzial von KI an Schulen ist unklar

19.10.2021 – Gastautorin Nina Galla: Seit 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Themenfeld KI, Technologie und Bildung für die Fraktion DIE LINKE. im Deutschen Bundestag.

Der Einsatz von KI-Systemen an Schulen scheint auf den ersten Blick eine attraktive Lösung für so einige Herausforderungen zu sein und im Sommer 2021 liefen Pilotprogramme für KI-Anwendungen an Schulen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Neben allen Hoffnungen, die mit KI an Schulen verbunden sind, werden allerdings die begleitenden unbeantworteten Fragen und ungelösten Probleme kaum thematisiert. Das ist insbesondere aus dem Grund problematisch, weil es noch große Wissenslücken seitens Entscheider:innen und Anwender:innen gibt.

Zentrale und wiederkehrende Probleme in der Anwendung von KI sind immer noch nicht gelöst, wie beispielsweise Diskriminierung aufgrund quantitativ oder qualitativ nicht genügender Trainings-Daten und die meist fehlende Nachvollziehbarkeit. Bisher halten sich die meisten Anbieter im Bildungssegment auch sehr zurück in der Offenlegung ihrer tatsächlich angewandten Technologie – es ist von außen nicht ohne weiteres erkennbar, ob es sich bei Intelligenten Tutorsystemen, adaptivem Lernen oder ähnlichen Umschreibungen tatsächlich um Machine Learning handelt.

KI-Systeme an Schulen bedeuten immense Aufgaben für die pädagogischen Inhalte, die so operationalisiert werden müssen, dass die Systeme sie zum richtigen Zeitpunkt  individuell ausspielen, so dass Lernende weder unter- noch überfordert werden. Risiken liegen hier vor allem in der Modellierung des Systems, wenn festgelegt wird, was als richtig oder falsch gewertet werden soll und im Umgang mit Antworten, die das System im Training nicht kennengelernt hat. Denn nach welchen Maßstäben ein System „lernt“, bleibt teilweise oder vollständig immer noch unklar. Die Systeme erkennen zwar Korrelationen, aber keine Kausalitäten. Diese Intransparenz kann sogar pädagogische Ziele unterlaufen.

Die Regulierung des KI-Marktes steckt außerdem noch in den Kinderschuhen. Die EU-Kommission hat mit dem Artificial Intelligence Act im Mai 2021 einen Vorschlag vorgelegt, in dem KI-Systeme im Bildungsbereich zu den Hochrisiko-Anwendungen gehören können, was umfangreiche Pflichten und Anforderungen unter anderem an IT-Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und Dokumentation mit sich bringt. Unklar ist zum derzeitigen Zeitpunkt jedoch, wer diese Pflichten zu erfüllen hat, insbesondere wenn es sich um „AI as a service“ handelt. Diese Unklarheit bringt große Rechtsunsicherheit mit sich und statt der erhofften Entlastung der Lehrkräfte verschiebt sich die Belastung möglicherweise lediglich. Ebenfalls zu wenig thematisiert wird die Rolle des Menschen beim Umgang mit KI – zu klären ist, welchen Umfang eine menschliche Letztentscheidung haben sollte, wie Menschen ihre Entscheidungsspielräume wahrnehmen und was dies für die juristische Verantwortung von Lehrkräften bedeutet.

KI an Schulen sollte nicht eingesetzt werden, um Digitalisierungsfähigkeit zu dokumentieren. Es entstehen dabei neue Herausforderungen auf technischer, pädagogischer und juristischer Ebene, über die zu wenig Wissen und Problembewusstsein vorhanden sind. Es braucht mehr Aufklärung über die Entwicklungskette und Funktionsweisen von KI-Systemen. KI im Schulwesen kann durchaus sinnvoll sein – doch so lang die offenen Fragen nicht gelöst sind, kann ein verantwortungsvoller Einsatz nur mit nicht-personenbezogenen Daten oder mit Daten von informierten und geschulten Lehrkräften erfolgen.


„Auf die Krise waren wir nicht gut vorbereitet!“- Über Corona und Bildung und warum Vorbereitet-Sein viel mehr bedeutet als nur „alles digitalisieren!“

16.11.2020 – Autorinnen: Paula Bleckmann & Annina Förschler

Anfang Oktober finde ich eine Mail mit Betreff „WICHTIG“ im Posteingang. Sie geht an alle Eltern der 10. Klasse, in die auch mein Sohn geht. Am Mittwoch, so kündigt die Email an, wolle man mit den SchülerInnen einen Plan besprechen. Einen Plan für den Fall, dass Schulen corona-bedingt wieder schließen müssen. Am Donnerstag solle in einer eintägigen Fernlernphase der Plan auf Alltagstauglichkeit getestet werden. Am Freitag gäbe es eine Nachbesprechung in der Schule. Gut zu wissen, denke ich als Mutter. Und nicke anerkennend, als ich weiterlese: Eine solche Strategie sei wichtig, weil der Rückblick aufs Frühjahr gezeigt habe, dass sich die Jugendlichen bei einem erneuten Lockdown mehr Kontakt mit Gleichaltrigen wünschen, als es im Frühjahr möglich war. Sie würden lieber in Präsenz-Kleingruppen lernen und wünschen sich mehr Hilfe für selbstorganisiertes Lernen und Alltagsbegleitung, z.B. durch Lehrkräfte als Online-Tutoren. Und: Sie wünschen sich weniger Online-Lernzeit, weniger Online-Besprechungen, weniger Arbeitsblätter. Als Mailanhang erhalten wir Eltern daher eine Liste zur Einteilung in Präsenz-Dreiergruppen – auf kurze Fahrwege und ausgewogene Zusammensetzung sei geachtet worden.

Am selben Tag schaue ich mir die Abschlussveranstaltung des Hackathons #wirvsvirus an. Immer wieder höre ich: Unsere Schulen waren auf Corona nicht gut vorbereitet; nun müssen wir die Krise als Chance für zeitgemäße Bildung begreifen. Dann hätte ja das Team der 10. Klasse alles richtig gemacht, denke ich: Ein partizipativer, fehlerfreundlicher Vorbereitungsprozess mit Einüben neuer selbstorganisierter Lernformen. Je länger ich aber zuhöre, desto mehr schwant mir: Das ist hier gar nicht gemeint. Vielmehr verwenden die Hackathonier „zeitgemäß“ mit verstörender Regelmäßigkeit als unmittelbares Synonym für „digital/online“. Die für die Präsentation ausgewählten Projekte im Bereich Bildung sind durchweg Online-Projekte: Lern-Apps, Lernorganisations-Software, digitale Vernetzungs- oder Fortbildungs-Tools. Mit einer lobenswerten Ausnahme: Dem Frei Day.
Immer wieder stolpern wir in diesen Tagen über Veranstaltungen wie den Hackathon und hören immer dieselbe Geschichte: Zuerst Frühjahr 2020, die Krise, die Hilflosigkeit und Überforderung. Oftmals personifiziert als „Martin, Grundschullehrer, 29 Jahre, war verzweifelt…“ oder „Denise, dreifache Mutter und alleinerziehend, war komplett überfordert…“. Und dann – die Lösung: Digitalisierung – je schneller, desto besser. Je mehr, desto besser. Worüber wir hingegen leider nicht stolpern: Politische Debatten über die pädagogische und didaktische Sinnhaftigkeit einzelner ‚Lösungen‘ (‚lösen‘ sie überhaupt etwas und, wenn ja, was eigentlich?), Debatten über Technikfolgen, über Folgen für körperliche und psychosoziale Gesundheit, und vor allem: Debatten über sinnhafte analoge Krisen-Konzepte.

Dabei sind diese Debatten aktuell drängender denn je; die aktuelle diskursive Schieflage dramatisch. Wir fordern daher insbesondere die Politik dazu auf, vielfältige(re) Perspektiven in ihre Strategien einzubeziehen. Der Austausch muss nicht nur inter- sondern transdisziplinär sein. Er muss fundierte Forschungserkenntnisse aus unterschiedlichen Fachdisziplinen einbeziehen, von der historischen Bildungsforschung über die Präventionswissenschaft; von Critical Data Studies bis zur Bildungssoziologie. Wir fordern dazu auf, Gelder nicht vorrangig für digitale Infrastrukturen bereit zu stellen, sondern vielmehr gezielt auch analoge, nachhaltige und pädagogisch durchdachte Unterstützungssysteme aufzubauen (bspw. Lehr- und sozialpädagogisches Personal). Dies ist unseres Erachtens dringend notwendig, um nicht im Notfall-Modus zu digitalisieren, sondern aufgeklärt, kritisch und (selbst-)bewusst zu entscheiden und zu gestalten. In der Krise, aber auch über die Krise hinaus! Dafür stehen wir mit unblackthebox.org.

Bei der Gründung vor einem Jahr ahnten wir nicht, dass sich die Relevanz unserer Arbeit derart zuspitzen würde. Umso mehr freuen wir uns über das Interesse an unserem Netzwerk und hoffen, als differenziertere Stimme gehört zu werden!