Bewertung und Analyse digitaler Lernplattformen von
Dr. Sieglinde Jornitz
Hintergrund:
Das Lehrkonzept ist für sieben Einheiten à 90 Minuten entwickelt worden. Zielgruppe waren Lehrerinnen und Lehrer sowie Personen, die in der Lehrkräfteweiterbildung arbeiten. Vorerfahrungen mit digitalen Plattformen waren nicht notwendig, sodass sich das Konzept auch zum Einsatz von Seminaren an Hochschulen eignet.
Autorinnen:
Das Konzept wurde von Dr. Sieglinde Jornitz erstellt und durchgeführt.
Prüfungsform:
Denkbar sind hier exemplarische Analysen von Plattformen oder einzelner Aspekte. Es geht dabei um eine Sicherung der Ansichten der Plattform über Screenshots sowie deren Analyse im Hinblick auf einen pädagogisch begründbaren Einsatz.
Lernplattform:
Digitale Plattformen können zum Austausch von Materialien und zur Dokumentation der Analysen eingesetzt werden.
Seminarziel:
Die Teilnehmenden verfügen über eine Systematik, um eine digitale Lernplattform im Hinblick auf ihren pädagogischen Einsatz zu beurteilen.
Modul 1:
Ort: Seminarraum
Zeitrahmen: 90 Minuten
Das pädagogische Primat und die Bildungspolitik
Das Modul 1 beleuchtet den bildungspolitischen Rahmen für den schulischen Einsatz digitaler Instrumente. Dabei wird das von der Bildungspolitik prolongierte pädagogische Primat sowohl an Handlungsempfehlungen der SWK gemessen als auch im Hinblick auf Gegenargumente eines Positionspapiers diskutiert.
Ablauf der Sitzung
Die Sitzung fokussiert sich auf die Textanalyse verschiedener politischer Dokumente. So werden die jeweiligen Positionen erarbeitet und der bildungspolitische Rahmen für den Einsatz digitaler Technologien verdeutlicht.
Im Zentrum steht der pädagogische Handlungsrahmen, wie er bildungspolitisch durch die Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“ (2017) bestimmt wird, die den „Primat des Pädagogischen“ als handlungsleitend setzt (S. 12).
„Für den schulischen Bereich gilt, dass das Lehren und Lernen in der digitalen Welt dem Primat des Pädagogischen – also dem Bildungs- und Erziehungsauftrag – folgen muss. Das heißt, dass die Berücksichtigung des digitalen Wandels dem Ziel dient, die aktuellen bildungspolitischen Leitlinien zu ergänzen und durch Veränderungen bei der inhaltlichen und formalen Gestaltung von Lernprozessen die Stärkung der Selbstständigkeit zu fördern und individuelle Potenziale innerhalb einer inklusiven Bildung auch durch Nutzung digitaler Lernumgebungen besser zur Entfaltung bringen zu können.“
KMK 2017:9
Mit den Teilnehmenden wird diskutiert, wie dieser „Primat des Pädagogischen“ zu verstehen ist, und was er für den Einsatz digitaler Instrumente bedeutet.
Um die Diskussion zu leiten, kann in einem ersten Schritt das Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz „Digitalisierung im Bildungssystem: Handlungsempfehlungen von der Kita bis zur Hochschule“ konsultiert werden. Dabei bietet es sich an, die Empfehlungen zu einzelnen Bildungsbereichen anzusehen und diese daraufhin zu prüfen, ob sie einen Primat des Pädagogischen implizieren.
Um auf die Verkürzungen der KMK-Strategie aufmerksam zu lassen, bietet es sich an, auf ein Positionspapier zurückzugreifen, das für einen kritisch-reflexiven Umgang mit digitalen Technologien in Bildungsinstitutionen plädiert. Es handelt sich um das von verschiedenen Institutionen, Netzwerken und Kultureinrichtungen, wie dem Grimme-Institut, der Sektion Medienpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) oder auch unserer Netzwerkinitiative Unblack the Box verfasste Positionspapier zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt›.
Die zentralen Thesen lauten:
- Medienbildung sowie kritisch-reflexiver Umgang mit digitalen Bildungstechnologien lassen sich nicht auf Skills und Anwendungskompetenzen reduzieren.
- Es braucht eine Demystifizierung der ‹Potenziale› digitaler Technologien und eine differenzierte Sicht auf Chancen und Problemfelder.
- Der Ausbau der Vermessung von Bildung ist kein Konsens!
- Die Rolle und der wachsende Einfluss der IT-Wirtschaft im Bildungsbereich müssen kritisch reflektiert und transparent gemacht werden.
Ziel dieses Abschnittes ist es, den politischen Rahmen für den Einsatz digitaler Instrumente im Hinblick auf seine Versprechungen und Empfehlungen zu diskutieren.
Modul 2:
Ort: Seminarraum
Zeitrahmen: 90 Minuten
Eine pädagogische Theorie des Unterrichtens und was der Einsatz digitaler Lernmittel verändert
Modul 2 lenkt den Blick auf die Veränderungen, die sich dadurch für pädagogisches Handeln im Unterricht ergeben.
Ablauf der Sitzung
Um Veränderungen im Unterrichten mit digitalen Instrumenten festzustellen, ist es hilfreich, ein theoretisches Verständnis des Unterrichtens zu schaffen.
In einem Kurzvortrag werden die Eckpunkte der pädagogischen Theorie des Unterrichtens von Andreas Gruschka vorgestellt:
- Unterrichten wird als ein pädagogisches Geschehen verstanden, dessen Ziel es ist, etwas zu vermitteln und dabei zugleich das Verstehen zu lehren und so auf Mündigkeit hinzuwirken bzw. diese darin erfahrbar zu machen.
- Die Erschließung dieser pädagogischen Eigenstruktur ist an die widersprüchliche Einheit der drei Dimensionen von Bildung, Erziehung und Didaktik gebunden. Nur dadurch kann die pädagogische Struktur hinreichend erschlossen werden.
- BILDUNG als ein Verstehen eines Gegenstandes, der das Ich-Welt-Verhältnis betrifft
- ERZIEHUNG als das absichtsvolle Hinwirken darauf, das Verstehen anzuleiten
- DIDAKTIK als die Aufbereitung des Gegenstandes in Vermittlungseinheiten
(Gruschka 2002, 2013, 2014, 2019)
Nationale und internationale Analysen zum Einsatz von digitalen Medien in Schule zeigen u.a.,
- dass sich der Wettbewerbsgedanke in der Klasse verstärkt (Sims 2017),
- sich die Funktionen der Lehrer*innen ändern (Allert et al. 2017; Selwyn 2012),
- sich Datenüberwachungsszenarien in der Schule festsetzen (Manolev et al. 2019)
- und vor allem weltweit agierende Konzerne Einfluss auf die staatliche Institution Schule nehmen (u.a. Lankau 2015; Williamson 2017).
Aufgabe: Inwieweit verschiebt sich die Konstellation der drei Dimensionen, wenn mit Hilfe von digitalen Instrumenten unterrichtet wird?
Herangezogen können folgende Aussagen werden:
Zitat einer Lehrperson:
„Das machen wir noch viel zu wenig, denn das ist aus meiner Sicht die Zukunft, eigentlich. Wir waren ja schon beim Thema Individualisierung der Lernprozesse. Und wenn man da so ein Tool an die Hand bekommen würde, auch gerade im Bereich von Übungsaufgaben, was den Lernstand automatisch adaptiert und vielleicht auch mithilfe von künstlicher Intelligenz arbeitet, kann das glaube ich sehr, sehr hilfreich sein. Das kann ein Lehrer nicht leisten.“
Weich et al. 2021: 23
Zitat einer Lehrperson:
„Das ist ja immer so eine Art Testsituation für die Schüler. […] Wenn die Schüler merken, sie werden getestet und das wird dann dokumentiert, dann verhalten sie sich anders, als würde man lernen.“
Weich et al. 2021: 23
Zitat eines Schülers aus einem Gruppeninterview:
„Ich würde gern adaptive Lernsysteme benutzen, denn jeder hat ja Problemaufgaben. Und wenn die Mehrheit ein Thema nicht versteht, aber man selbst versteht es, aber ein anderes Thema nicht, dann ist es schlecht, wenn der Unterricht immer auf die Mehrheit angepasst wird. Schlecht wäre aber auch, wenn andere Schüler über das System sehen, dass man nicht gut hinterher kommt.“
Weich et al. 2021: 24
Modul 3:
Ort: Seminarraum
Zeitrahmen: 90 Minuten
Welches Lernen/ welche Bildung macht das digitale Lernmittel (nicht) möglich?
Anhand von Checklisten, die von Unblack the Box entwickelt wurden, soll erarbeitet werden, welche Fragen gestellt werden müssen, um den pädagogischen Einsatz von digitalen Technologien zu prüfen.
Ablauf der Sitzung
Im Zentrum stehen zwei von UNBLACK THE BOX entwickelte Alternative Checklisten:
- Inwieweit ist die Plattform anpassbar und damit pädagogisch gestaltbar?
- Welche Formen von Nudging, z.B. Gamifizierung und Visualisierung werden eingesetzt?
Gruppenarbeitsphase: 40 Minuten
Die Teilnehmenden werden in zwei Gruppen eingeteilt, von denen sich jede eine alternative Checkliste näher anschaut und diskutiert.
Aufgabe: Wählen Sie eine digitale Anwendung aus, die Sie in ihrem Alltag verwenden, und versuchen Sie mit Hilfe der am Ende der Alternativen Checklisten aufgelisteten Fragen diese zu analysieren.
Notieren Sie die Ergebnisse Ihrer Diskussion und stellen Sie sie der Gruppe vor.
Die Gruppen stellen ihre Ergebnisse vor.
Modul 4:
Ort: Seminarraum
Zeitrahmen: 90 Minuten
Analyse und Begutachtung von digitalen Lernplattformen
Es wird ein systematisches Vorgehen bei der Analyse von digitalen Lernplattformen eingeführt.
Ablauf der Sitzung
Im Zentrum steht eine Erweiterung der Alternative Checkliste Welche Art von Lernen / Bildung macht die Software möglich?
Die insgesamt sieben Aspekte bieten die Möglichkeit, eine digitale Lernplattform auf ihren pädagogischen Einsatz hin zu prüfen. Dabei ist es hilfreich, für jeden Aspekt Beispiele parat zu haben und diese ggf. als Screenshots zu zeigen.
Die sieben Aspekte sind:
- Zugang zu Unterrichtsthemen
- Einüben von Routinen statt Erarbeitung von Neuem
- Aus Fehlern lernen
- Konzentration auf das digital Präsentierte
- Erarbeitung von Neuem – ein Muster für alle*s
- Bewertungs- / Belohnungssysteme
- Auswertungsübersichten (Dashboards)
Beispiele für Plattformen können sein: Anton, Antolin, bettermarks, realmath, scoyo, sofatutor o.Ä. . Wichtig ist, dass diese Plattformen Aufgaben für ein bestimmtes Fach bereitstellen, sodass geprüft werden kann, inwieweit die digitale Struktur die Vermittlung der Fachinhalte unterstützt oder erschwert.
Um mit den Teilnehmenden in einen Austausch zu treten, ist es sinnvoll, nach jedem Aspekt oder ganz am Ende nach den eigenen Erfahrungen zu fragen.
- Welche digitalen Lernplattformen kennen die Teilnehmenden?
- Was sind ihre Erfahrungen in der Nutzung?
- Kann man aus diesen Erfahrungen etwas für einen pädagogisch sinnvollen Einsatz ableiten?
Falls diese verwendet werden sollen, bitte entsprechend kennzeichnen.
Modul 5:
Ort: Seminarraum
Zeitrahmen: 90 Minuten
Analyse von digitalen Lernplattformen – Teil 1
Die Analyse soll beispielhaft an konkreten Lernplattformen ausprobiert werden. Ziel ist es, sich systematisch eine Plattform so zu erarbeiten, dass über die Möglichkeiten eines pädagogischen Einsatzes im Unterricht geurteilt werden kann.
Ablauf der Sitzung
Modul 5 und 6 setzen voraus, dass sich die Leitung vorher eine ausreichend große Anzahl an digitalen Lernplattformen ausgewählt hat. Viele dieser Plattformen sind kostenfrei nutzbar; für andere ist es möglich, sich einen Gastzugang zu erstellen. Dabei muss beachtet werden, dass es ggf. unterschiedliche Sichten für Lehrpersonen und Schüler*innen gibt.
Die Arbeit wird als Gruppenarbeit organisiert. Sinnvoll sind kleine Gruppen von 3 bis 4 Personen. Diese sollen in Modul 5 und 6 ihre Arbeit organisieren.
Aufgaben sind:
- Wählen Sie eine digitale Lernplattform aus
- Prüfen Sie zunächst die Selbstbeschreibung der Plattform und analysieren Sie die dort gemachten Versprechen vor dem Hintergrund a) des bildungspolitischen Rahmens (siehe Modul 1) und b) der Theorie des Unterrichtens nach Andreas Gruschka (siehe Modul 2)
- Erarbeiten Sie sich mit Hilfe der 7 Aspekte (siehe Modul 4 sowie Literatur unten) die Plattform. Machen sie Screenshots von den entscheidenden Ansichten; notieren Sie sich Funktionsweisen und Auffälligkeiten, um daraufhin Ihre Präsentation der Ergebnisse aufzubauen.
Modul 6:
Ort: Seminarraum
Zeitrahmen: 90 Minuten
Analyse von digitalen Lernplattformen – Teil 2
(Siehe Modul 5)
Modul 7:
Ort: Seminarraum
Zeitrahmen: 90 Minuten
Präsentation der Analysen und abschließende Diskussion
Die Gruppen stellen ihre Ergebnisse der Analysen der einzelnen Plattformen vor. Ziel ist es, zu besprechen, ob dieses systematische Vorgehen bei der Analyse einer Plattform sinnvolle Hinweise auf den pädagogischen Einsatz zutage fördert.
Ablauf der Sitzung
Die Gruppenpräsentation soll so gestaltet werden, dass immer wieder auch Querverweise zwischen den Gruppen gemacht werden, um die Grundfrage nach einem pädagogisch sinnvollen Einsatz solcher fachlichen Lernplattformen begründet zu beantworten.
Anhang:
Literatur
Allert, Heidrun; Asmussen, Michael; Richter, Christoph (2017): Bildung als produktive Verwicklung. In: Diess. (Hrsg.): Digitalität und Selbst. Interdisziplinäre Perspektiven auf Subjektivierungs- und Bildungsprozesse. Bielefeld: transcript, S. 27–68.
Alternative Checkliste: Welche Art von Lernen / Bildung macht die Software möglich?
Gruschka, Andreas (2002): Didaktik – Das Kreuz mit der Vermittlung. Elf Einsprüche gegen den didaktischen Betrieb. Wetzlar: Büchse der Pandora.
Gruschka, Andreas (2013): Unterrichten – eine pädagogische Theorie auf empirischer Basis. Opladen: Verlag Barbara Budrich.
Gruschka, Andreas (2014): Lehren. Stuttgart: W. Kohlhammer.
Gruschka, Andreas (2019): Erziehen heißt Verstehen lehren. Ein Plädoyer für guten Unterricht. 2. Aufl. Stuttgart: Reclam.
Jornitz, Sieglinde (2024): Was wird wie vermittelt? Eine kritische Analyse zum inhaltlich-didaktischen Kern digitaler Lernplattformen am Beispiel sofatutor. In: Sigrid Hartong / André Renz (Hrsg.): Digitale Lerntechnologien. Von der Mystifizierung zur reflektierten Gestaltung von EdTech. Bielefeld: transcript Verlag, S. 87–109. https://doi.org/10.14361/9783839468937
Lankau, Ralf (2017): Kein Mensch lernt digital. Über den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht. Weinheim/Basel: Beltz.
Manolev, J.; Sullivan, A. & Slee, R. (2019): The datafication of discipline: ClassDojo, surveillance and a performative classroom culture. In: Learning, Media and Technology, vol. 44(1), pp. 36–51.
Selwyn, Neil (2011): Schools and Schooling in the Digital Age. A Critical Analysis. London/New York: Routledge.
Sims, C. (2017): Disruptive Fixation. School Reform and the Pitfalls of Techno-Idealism. Princeton/Oxford: Princeton University Press.
Weich, Andreas; Philipp Deny; Marvin Priedigkeit; Troeger, Jasmin (2021): Adaptive Lernsysteme zwischen Optimierung und Kritik. Eine Analyse der Medienkonstellationen bettermarks aus informatischer und medienwissenschaftlicher Perspektive. In: MedienPädagogik 44, S. 22–51. https://doi.org/10.21240/mpaed/44/2021.10.27.X
Williamson, Ben (2017): Big Data in Education: The Digital Future of Learning, Policy and Practice. Los Angeles: SAGE.
Bei Fragen zu diesem Lehrkonzept wenden Sie sich gerne an die Autorin des Lehrkonzepts: Dr. Sieglinde Jornitz

Das Lehrkonzept steht unter einer Creative Commons-Lizenz (CC BY NC SA 4.0). Das heißt, Sie dürfen die Inhalte nutzen sowie verändern und weitergeben, solange Sie angemessene Urheberangaben machen und das Material unter der gleichen Lizenz verbreiten. Eine kommerzielle Nutzung ist im Allgemeinen nicht erlaubt, kann jedoch in Einzelfällen (z.B. selbstständige MedienpädagogInnen, freiberufliche FortbilderInnen etc.) genehmigt werden. In diesem Fall bitte einfach eine kurze Mail an Dr. Sieglinde Jornitz. Eine Nutzung im Rahmen von Bildungsinstitutionen ist immer erlaubt.
