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Building hope through joyful practice – Einblicke in die erste European Conference of Critical EdTech Studies (ECCES)

Ein Kommentar von UNBLACK THE BOX-Mitglied Sigrid Hartong

Über ein Jahr ist es her, dass wir – das sind Mathias Decuypere von der PH Zürich, Jeremy Knox von der Universität Oxford, Ben Williamson von der Universität Edinburgh und ich selbst (Sigrid) – die Idee hatten, einen Ort für den wissenschaftlichen Austausch zu kreieren, der sich dezidiert der kritischen Auseinandersetzung mit und Gestaltung von digitalen Bildungstechnologien in Europa widmet. Warum dachten wir, dass es so eine European Conference of Critical EdTech Studies (ECCES) braucht? Tatsächlich haben wir über die letzten Jahre hinweg mit Freude wahrgenommen, dass es immer mehr Forschende, Projekte und Initiativen gibt, die die (Mit-)Gestaltung einer reflektierteren, sozial gerechteren und nachhaltigeren digitalen Bildungszukunft zum Ziel haben (und dies mit dem Begriff „kritische Forschung“ verbinden). Diese Projekte und Initiativen, die wir zu einem Teil auch über diverse UBTB-Newsletter vorgestellt haben, haben mitunter faszinierende Ansätze entwickelt und nennenswerte (auch politische!) Erfolge verzeichnet. Wir hörten aber ebenfalls regelmäßig aus dem Feld und hatten auch selbst den Eindruck, dass diese Forschenden und Projekte eher verstreut über diverse Netzwerke und Disziplinen agieren, was dazu führt, dass gerade Nachwuchsforschende oftmals nicht wissen, wo „ihre Community“ eigentlich ist. Ein weiterer Effekt ist, dass Potentiale eines koordinierten Vorgehens etwa zur Erhöhung global-politischer Sichtbarkeit kaum ausgeschöpft werden können.

Also wollten wir es wagen – vielleicht bekämen wir 50 oder 60 Teilnehmende zusammen und könnten von dort aus weitersehen. Und wir hatten Glück: Der Schweizer Nationalfonds und die Pädagogische Hochschule in Zürich waren bereit, das Unterfangen einer ersten ECCES (18.-20.6.2025) mit dem Thema „Defining the field – envisioning the future“ zu finanzieren. Mit der Veröffentlichung des ersten ECCES „Calls für Presentations“ und den daraufhin eingehenden hunderten (!) an Einreichungen weit über Europa hinaus zeigte sich jedoch, wie hoch der Bedarf tatsächlich war. Thematisch deckten die Einreichungen hierbei ein breites Spektrum ab: Forschungen zu Wirkungen digitaler Technologien (inkl. KI) in der Praxis, Studien zu Politik, politischer Ökonomie (z.B. BigTech) und Governance/Steuerung, zu sozialer Gerechtigkeit und Diversität, zu Prüfungen, ethischen Fragen, Nachhaltigkeit/planetaren Zukünften, aber auch zu Geschichte und Zukunft von EdTech (z.B. spekulative Methoden).

Und so legten wir nach und gingen bis zur Kapazitätsgrenze der Räumlichkeiten, unterstützt von einem großartigen Team an Docs, Postdocs sowie dem Verwaltungsbüro der PH Zürich (namentlich: Lucas Joecks, Carlos Ortegón, Rebecca Schmidt, Nina Brandau, Andrea Frei, Karin Futterknecht, Nina Ißbrücker, Anna Janka, Ted Palenski, Michelle Remmers, Ina Sander, Ursula Schmid und Toon Tierens). Nach intensiver Begutachtung entstand ein vollgepacktes Programm mit einer faszinierenden Sammlung an Panels, die Nachwuchs- wie etablierte Forschende gleichermaßen zusammenbrachten. Wir wollten aber nicht nur Sitzen und uns gegenseitig unsere Forschungen näherbringen, sondern ebenso investierten wir viel Zeit in das Entwerfen eines umfangreichen sozialen Programms (eine Citytour der anderen Art mit dem sozialen Verein Surprise, Schwimmen in den diversen Zürichern Gewässern, Yoga, Lindy Hop, Singen, …), expliziten Formaten für Doktorand*innen sowie einen Roundtable mit Vertreter*innen aus Lehrkräfteverbänden, Schulpraxis und EdTech-Industrie. Mit jedem Monat, der verstrich, wuchsen Aufregung und Freude, aber auch das Email-Aufkommen, welches das kleine Team an der PH Zürich nach Kräften bewältigte.

Und dann war es soweit: Am 18.6. wurde es ab 8 Uhr trubelig am Empfang und um 11 Uhr ging es los mit der Eröffnung. Uns war es wichtig, dass von Anfang an viel gelacht wird, denn nicht selten tendieren wir in unserem Feld zu Melancholie und Verzweiflung ???? So startete die Konferenz mit einer Abstimmung darüber, wie das Akronym ECCES denn nun eigentlich ausgesprochen werden sollte (im Organisationsteam waren wir uns darüber maximal uneinig). Der Favorit der Kolleg*innen: ECCES wie in „Exzess“ (dann wissen Sie für die Zukunft auch Bescheid und können sich als Insider zu erkennen geben). Definitiv exzessiv ging es dann los mit den Panels und da ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen möchte, was demnächst noch in eine „ordentliche“ Dokumentation des Events fließen wird, beschränke ich mich auf einen Kurzeinblick in drei von zahlreichen wundervollen ECCES-Momenten (zu Präsentationen der UBTB-Mitglieder siehe auch weiter oben im Newsletter):

1. Über die ersten 1,5 Tage hinweg sammelten wir in kleinen Briefkästen Antworten der Teilnehmenden auf drei Fragen: Welche Werte sind für das Feld kritischer Bildungstechnologiestudien besonders wichtig? Was können wir tun, damit die Befunde kritischer Technologieforschung besser in Praxis, aber auch in Politik und EdTech-Entwicklung aufgegriffen werden können? Und was wären die besten und schlimmsten Szenarien für das Feld? Am Abend des zweiten Tages spielten wir dann „menschliche Sortieralgorithmen“ auf dem Vorplatz (einen lieben Dank an Paula Bleckmann für Idee und Unterstützung!) – immer sechs Menschen gingen mit einem Ergebnis der Briefkastensammlung (z.B. ein Wert, eine Idee) an den Start und verglichen bzw. sortierten nach Priorität, Schritt für Schritt, bis am Ende ein jeweils neues Ranking der Antworten auf die drei Fragen entstand. Drei zentrale Ergebnisse: 1. Soziale Gerechtigkeit rangierte als Wert unangefochten auf Platz eins, 2. Die Zusammenarbeit mit Praxis, Politik und EdTech-Entwicklung muss, so ist sich das Feld einig, noch viel mehr als bisher ausgebaut werden, und 3. „Giving up“ wäre eines der schlimmsten Szenarien.

2. Wir hatten zwei Keynotes für die Konferenz geplant: Eine Junior Keynote (denn es ist die junge Generation, die durch ihre Forschungen den Wandel vorantreibt) von Ida Cheyenne Martinez Lunde von der Universität Oslo, sowie eine Senior Keynote von Felicitas Macgilchrist von der Universität Oldenburg. Und während wir in Idas Keynote tolle Einblicke in eine Studie zur professionsorientierten Technologieentwicklung im Gesundheitssektor erhielten (medizinische Fachkräfte, die anhand von „low tech“ das technische Design einer Plattform aktiv mitgestalten), welche viel Inspiration für Übertragbarkeit in Bildung bot, so ging es bei Felicitas´ Keynote um die zentralen Begriffe des Feldes. Eine große Rolle spielten hierbei die Fragen, was es bedeutet, kritische Praxis zu leben, und wie Hoffnung erhalten – oder sogar ausgebaut – werden kann angesichts einer Welt, deren Entwicklung einen regelmäßig zur Verzweiflung bringt. Felicitas war es auch, die hierbei auf ein Zitat des Tourguides des sozialen Vereins Surprise vom Vortag verwies, welches ich hier ebenfalls in den Titel eingewoben habe. Das Zitat betont, dass Hoffnung nur durch freudvolle Praxis entstehen kann, also nur durch (Vor-)Leben, durch soziales Miteinander und durch Erlebnisse, die uns zeigen, was (anders) möglich ist.

3. Mein drittes Highlight könnte nicht besser anschließen: 120 Wissenschaftler*innen (manch eine*r mit beträchtlichem Track Record) schwimmen um 21 Uhr im Zürichsee, während die Sonne hinter den Bergen verschwindet. Ich sehe lauter kleine Köpfe, während ich vorwärts paddle, und ich höre in diversen Sprachen riesige Dankbarkeit für das Privileg derart zusammenkommen zu dürfen, ich höre energetischen Ideenaustausch und… die Anbahnung unendlich vieler neuer Projekte. (Sehr) Kaltes Wasser ist offenbar sehr inspirierend.

Ich finde kaum Worte die ausdrücken können, wie dankbar ich für diese wichtigen und zeitweise ziemlich magischen Tage auf der ersten ECCES bin, zu denen die Teilnehmenden aus aller Welt das allermeiste beigetragen haben. Ich bin überzeugt, die Konferenz ist sichtbarer Teil einer sich sukzessive abzeichnenden Veränderung im Bildungssektor – einer Veränderung, die immer mehr konkrete Ideen bereithält, wie eine andere Zukunft möglich ist. Umso mehr freue ich mich, an der weiteren ECCES-Reise (weitere Tagungen sollen in den kommenden Jahren stattfinden) teilhaben zu dürfen.

Stay tuned!!